Ich fasse es nicht, der Brief ist von Matt. Schnell wische ich mir eine weitere Träne aus dem Gesicht. Meine Familie zu verabschieden war kein Problem, aber dieser handgeschriebene Brief bringt mich aus der Fassung. Er hat es also nicht vergessen. Er muss heute morgen da gewesen sein. Meinen Rucksack hab ich erst gestern Nacht gepackt. Warum hat er sich dann nicht auch persönlich verabschiedet? Wer weiss, ob wir uns je wiedersehen. Der Gedanke daran fühlt sich ehrlich gesagt ziemlich beschissen an. Vermutlich hab ich ihn mittlerweile auch als weiteres Familienmitglied Hixton akzeptiert. Ich seufze und sehe nochmal auf den Zettel in meiner Hand.
Das ist schon….süss. Nicht mal was da steht, sondern das da was steht. Ergibt das Sinn?
Hi Auswanderin,
bevor du mich gedanklich gleich unterbrichst: ich hab absoluten Respekt vor deinem Mut und mir ist auch klar, dass du keine Hilfe brauchst, hast du ziemlich deutlich gemacht. Trotzdem hab ich hier, für den absolut unwahrscheinlichen Fall, dass du kurzfristig Geld oder eine Unterkunft brauchst, zwei Kontakte in NY. Mike ist Besitzer einer Bar Downtown und sucht immer Leute die aushelfen, Mary eine super nette alte Dame, wohnt alleine auf einer Farm am Stadtrand, hat meistens ein Zimmer frei und freut sich immer, sich ein bisschen mit jemandem unterhalten zu können. Du kannst sie jederzeit unter diesen Nummern erreichen. Sollte dich New York doch mal so richtig abfucken, bin ich dein perfekter Ansprechpartner, call me 0558932.
Traue niemandem. Matt
Er gibt mir ernsthaft seine Nummer, damit ich mit ihm über New York ablästern kann? Ich muss lächeln, das glaubt er ja wohl selber nicht. Ich werde genug eigene Kontakte haben und was sollte mich schon abfucken, alles an dieser Stadt ist perfekt, trotzdem ist es mega cute und ich verzeihe ihm zumindest ein wenig.
Okay, das reicht, ich stopfe den Brief ganz unten in meinen Rucksack, wische mir eine weitere Träne aus dem Augenwinkel, nehme meine Kopfhörer raus und schlafe tatsächlich innerhalb von wenigen Minuten ein.
Der Flug ist jetzt genau zwei Wochen her und was soll ich sagen, es stellt sich gerade raus, ich war ein bisschen….okayyyy, sehr im Irrtum. Spoiler: ich brauche Matts Brief und zwar so dringend, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. In meinem Kopf herrscht seit ein paar Tagen das reinste Chaos. Von „wie naiv ich doch bin, Matt hatte als doch Recht, flieg zurück nach Hause, ruf Mum an und bitte sie um Hilfe“ ist alles dabei.
Und trotzdem…mein Ego kann mich mal. So leicht gebe ich nicht auf. Ich brauche bloß etwas Starthilfe, die mir wohl momentan nur Matts Kontakte geben können. Ich hab nicht damit gerechnet, dass alles hier so….schwer ist. Und mit alles meine ich ALLES. Kontakte knüpfen, ein Gespräch mit jemandem zu führen, der nicht in meiner Insta Story markiert werden will, ein Zimmer zu bekommen, dass nicht eine halbe Niere kostet. Ach ja und einen Job zu bekommen, ohne mit jemandem schlafen zu müssen.
Du denkst ich übertreibe? Ich wünschte, ich würde es. Die New Yorker sind mir gegenüber cute und weltoffen, nur leider ein bisschen zu sehr für meinen isländischen Geschmack. Zumindest hab ich in den letzten 2 Wochen gemerkt, wie wenig ich wirklich über die New Yorker weiss, kein besonders angenehmes Gefühl.
Seit gestern gammle ich in meinem Pyjama im Hotelbett herum und denke darüber nach wie es weitergeht. Ich brauche so schnell wie möglich eine Einnahmequelle, um hierbleiben zu können. Es ist noch so viel teurer als ich dachte, obwohl ich noch nicht einmal richtig shoppen war.
Die Kosten für das Studium sind gedeckt, auch dank Grandma, die mir vor meiner Abreise noch ein Kuvert zugesteckt hat. Was mich gerade bricht, ist eine leistbare Wohnung in einer vernünftigen Gegend zu finden. Angebote gibt es genug, was ich nicht wusste ist, was alles verlangt wird, um eine zu bekommen. Die letzten Tage verbrachte ich mit Bewerbungsgesprächen, die ALLE aufs gleich hinausliefen.