Lucy meets New York – Episode 8 💋

Und dann ist er auf einmal da. Der Tag meiner Abreise. Der Tag an dem mein neues, aufregendes Leben in fucking New York beginnt. Ich hab so lange darauf hingefiebert, dass es sich jetzt unwirklich anfühlt. Ich konnte gestern vor Aufregung kaum schlafen, alles in mir kribbelt, als wäre ich frisch verliebt. Bin ich ja auch, nur eben in eine Stadt. Mein Koffer ist gepackt, wobei ich nicht besonders viel mitnehme. Ich werde dort alles finden was ich brauche. Neue Stadt, neue Lucy.

Die Stimmung ist ganz okay, während ich zum letzten gemeinsamen Frühstück antrete. Mum sieht aus dem Fenster. Dad schlürft seinen Kaffee und meine Brüder streichen sich Nutellabrote. Alles wie immer. Nur Matt fehlt, was ich ziemlich persönlich nehme, wo er doch sonst immer hier abhängt. Okay, abgesehen von den letzten Monaten.

Ich hab gestern Nacht sicher eine Stunde darüber nachgedacht wie ich mich verabschieden werde und mich entschlossen völlig cool zu bleiben. Easy, oder? Selbst wenn Matt sagen sollte, er habe sich geirrt und New York ist die beste Stadt der Welt, werde ich unbeeindruckt mit der Schulter zucken.

Klar Lucy, träum weiter. Aber trotzdem, wo ist er? Hat er was Besseres zu tun? Mein Ego lässt nicht zu, dass ich die anderen nach ihm frage. Das wurmt mich gerade mehr, als Mum leises Schluchzen, das mich wieder in die Gegenwart zurückholt.  “Willst du das wirklich Lucy? Als du uns damals das erste Mal von deinem Wunsch in New York zu studieren, erzählt hast, habe ich es nicht wirklich ernst genommen, ich war immer der festen Überzeugung du studierst hier bei uns, damit wir dich unterstützen können.” seufzt sie und rührt gedankenverloren ihren Kaffee um.

„Das weiss ich Mum und genau deswegen will ich es. Damit ihr checkt, ich bin nicht mehr die Kleine von damals, die immer Unterstützung braucht, auch wenn ihr mich immer noch so behandelt.“ Keine Reaktion. Hatte ich auch nicht erwartet. Ich bin selber erstaunt wie sicher ich klinge und mich immer noch kein absolut unangenehmes Schuldgefühl überkommt,  während ich aufstehe und sie alle nacheinander fest umarme. Meine sonst so schlagfertigen Brüder sind ziemlich still, weder ein Scherz, noch ein Grinsen kommt über ihre Lippen.

Ich höre mir geduldig und nickend alle Ratschläge und Anweisungen von Mum an und eine Ewigkeit später sitze ich endlich im Auto. Dad fährt mich. Wir reden nicht viel, jeder hängt seinen Gedanken nach, Dad ist ohnehin kein Freund vieler Worte, was mir gerade nur recht ist. Am Flughafenparkplatz lädt er meinen Koffer aus, drückt mir einen Kuss auf die Stirn, umarmt mich kurz (ein echtes Highlight), sagt ich soll mich, wie mit Mum vereinbart, sofort nach der Landung bei ihr melden und weg ist er.

Und ich? Bin ziemlich relaxed. Ich gehe zu einem der Schalter, gebe meinen Koffer ab, durchlaufe den Check-In, passiere den Sicherheitsbereich und schneller als gedacht gelange ich zu meinem Gate. Ich lasse mich auf einen der Sessel fallen, schliesse die Augen und atme tief durch. Ich hab es geschafft. Ohne große Emotionen bei meiner Familie, die hab ich vermutlich die letzten zwei Tage bei Anna gelassen, wir haben geheult, gelacht und Eis verdrückt, aber auch ohne Verabschiedung von Matt.

Irgendwie hatte ich gehofft, er kommt noch und hat eine plausible Erklärung parat, aber nichts. Arschloch. Warum nervt es mich so? Wir hatten nie viel miteinander zu tun, was sollte es ihn jucken, ob ich gehe oder bleibe? Obwohl er soviel Zeit bei uns verbracht hat, bin ich nicht seine Schwester und er nicht mein Bruder, auch wenn er mich manchmal so behandelt hat. Vielleicht wollte ich auch einfach ein letztes Mal seinen Blick sehen, weil er es nicht geschafft hat, mir genug Angst zu machen, um die New York Sache abzublasen.

Während ich durch den Check-In gehe, lässt mich das Thema trotzdem nicht ganz los. Was hatte ich erwartet? Vielleicht ein „geh nicht” flüstert eine kleine Stimme in mir, die ich sofort verscheuche. Bullshit. Ich bin einfach gerade verwirrt, das ist alles. Immerhin ist das meine erste große Reise, die ich völlig alleine antrete.

Hab ich schon erwähnt, dass ich den Flughafen liebe? Mum war früher Stewardess und hat, nachdem sie meine Brüder und mich bekommen hat, den Job leider aufgegeben. Als ich als Jüngste 2 Jahre alt wurde, fing sie an am Flughafen für einen Reiseveranstalter zu arbeiten, während Grandma auf mich aufpasste. Wenn sie mich nach ihrer Schicht abgeholt hat, erzählte sie mir immer von all den witzigen Begegnungen und Gesprächen mit Menschen aus der ganzen Welt, die sie an dem Tag erlebt hatte. 

Ich liebte diese Geschichten und wollte damals unbedingt auch mal am Flughafen arbeiten. Tja und jetzt fotografiere ich Menschen, die Natur, alles was mich berührt und teile meine Bilder auf Social Media mit der Welt. Als ich endlich auf meinen Sitzplatz im hinteren Teil des Flugzeuges Platz nehme, merke ich wie müde ich bin. Es fühlt sich an, als würde sämtliche Anspannung von mir abfallen. Die letzten Nächte waren ziemlich kurz. Während das Flugzeug losrollt, krame ich in meinem Rucksack nach meinen Kopfhörern, um ein bisschen zu schlafen.

Statt meinen Kopfhörern finde ich einen weissen Briefumschlag. Was ist das denn? Den hab ich definitv nicht eingepackt. Von aussen ist nichts zu erkennen. Ich vermute mal er ist von Mum, mit ein paar weiteren gut gemeinten Ratschlägen, die kann ich später noch lesen, aber dazu bin ich dann doch zu neugierig. Ich öffne den Brief, lese ihn und ohne das ich es verhindern kann, rollt eine kleine Träne über meine Wange.

Lucy meets New York – Episode 8 💋