Mittlerweile ist es Mitte September, ich arbeite jedes Wochenende und wenn das Trinkgeld so gut bleibt, steht New York, außer der Zusage einer Uni, an der ich Fotografie studieren kann, nichts mehr im Weg. Gott, ich kann es kaum erwarten. „Lucy, wir essen in 5 Minuten, komm runter.“ Manchmal denke ich, Mum kann meine New York-Gedanken riechen und unterbricht sie nur zu gern.
Scheinbar kann aber nicht nur Mum meine Gedanken lesen, sondern auch der Unigott, 2 Tage später drückt mir unsere Postbotin zwei Briefe in die Hand, während ich den Müll rausbringe. Als ich sehe, von wem sie sind, lasse ich den Sack fallen, renne zu unserer Veranda und setze mich. Mein weiteres Leben liegt in einem dieser Briefe. Das klingt dramatisch und JA, das ist es auch. Einer ist von der Parsons School of Design in New York und einer von der School of Photography in Reykjavik, zwei von insgesamt zehn Unis, bei denen ich mich beworben habe. 9 davon sind in Amerika. Dass ich mich überhaupt in Island beworben habe, ist Mum’s Überredungskunst und ihrem „Wie rede ich meiner Tochter ein schlechtes Gewissen und Zweifel ein“-Mindset zu verdanken.
„MUM, DAD!! Mum, bist du da? Oh mein Gott! Ich kann es nicht glauben“, schreie ich, während ich die Eingangstür hinter mir zuknalle. Mum kommt aus der Küche gerannt. „Was ist passiert? Lucy, du weinst ja, Schatz!“ Sie sieht schockiert aus. „Du wirst es nicht glauben, Mum, ich habe eine Zusage“, ich quietsche vor Freude und hüpfe ein paar Mal auf und ab. „Wirklich? Von der School of Photography? Das ist ja wunderbar!“. Sie will mich umarmen. Ich winke ab. „Was? Ja, von der auch, aber ich meine die Zusage von der Parsons School of Design in New York, Mum!“ Ich drücke ihr den Brief in die Hand und wische mir die Freudentränen aus dem Gesicht.
Ihr Lächeln verschwindet. „Oh Lucy, ich verstehe nicht. Du hast auch eine Zusage für Island? Dann wirst du doch hier studieren? Ich dachte nicht….“ „Du dachtest nicht, dass sie mich in New York nehmen, oder? Mum, diese Schule ist weltbekannt. Jeder will dorthin und nur die wenigsten werden genommen. Diese Chance kann und werde ich mir nicht entgehen lassen. Es sind drei Jahre. Danach sehen wir weiter.“ Danach werde ich mir dort ein neues Leben aufgebaut haben, aber das muss Mum jetzt nicht wissen.
„Kleines, ich freue mich ja, dass du dich freust. Aber du ganz allein in New York? Das geht nicht und ist viel zu gefährlich. Das kannst du uns nicht antun. Du bist aufgeregt, dass verstehe ich, aber schlaf doch erstmal darüber und wir reden morgen nochmal mit deinem Vater.“ „Da gibt es nichts zu reden, Mum, ich muss das tun. Ich will es mir selbst beweisen.“ „Was denn beweisen, was redest du da, Lucy?“ „Nichts, vergiss es, Mum, ich geh mal hoch in mein Zimmer, Anna anrufen und ein paar Flüge checken.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, laufe ich die Treppen hoch. Meine Freude kann sie mir gerade sowieso nicht nehmen. Ich bin so happy, ich könnte die ganze Welt umarmen. Dieses Hochgefühl hält die nächsten Tage an, obwohl die ganze Familie (ausser Dad) immer wieder versucht, mit mir zu reden und mich umzustimmen. Fun Fact: Je mehr sie dagegen sind, umso sicherer bin ich mir.
Es sind noch genau sieben Monate bis zu meiner Abreise, jeden Tag kommt ein weiteres Herz in meinen New York Countdown-Kalender. Mein Flug ist bereits gebucht. Meine Zusage verschickt. Ich habe die letzten Tage dutzende Unterkünfte angeschrieben, bis jetzt aber nur Absagen kassiert, mit der Begründung, dass die Vergabe eines Zimmers nur persönlich möglich ist. Auch das kann mir meine Stimmung nicht vermiesen, ich habe sowieso geplant, die ersten zwei Wochen in einem Hotel zu wohnen, während ich mich auf die Suche nach einer Studentenwohnung mache. Alles easy.
Ich fühle mich, als würde ich durch die nächsten Tage schweben, blende Mum’s unterschwellige Kommentare aus und ignoriere jeden Abend beim Essen die Fragen meiner Brüder, wie ich denn glaube, alleine in New York klar zu kommen, bis mich Matt eines Samstags an der Treppe aufhält.