Jedes einzelne Treffen fand mit einem selbstständigen, ziemlich gutaussehenden Vermieter, maximal 2-3 Jahre älter als ich, und seinem Geschäftspartner statt, die absolut nett wirkten und mir nicht nur eine wunderschöne, bezahlbare Wohnung in Aussicht stellten, sondern auch noch einen Wahnsinnsjob und eine Menge Kohle in ihrem erfolgreichen Business. Klingt geil? Definitiv, dachte ich anfangs auch noch.
Der Haken kam natürlich erst, nachdem ich dachte: „omg, wie perfekt, natürlich nehme ich das Angebot an.“ Plötzlich wird mir aus dem Nichts ein Arbeitsvertrag mit den Worten: „nur ein paar Formalitäten, nichts Wichtiges, kein genaues Durchlesen notwendig, einfach auf Seite 3 unten zweimal unterschreiben, ganz easy!“ vorgelegt.
Keine Ahnung, wie du das siehst, aber nach ganz easy war ich höchstalarmiert. Wie es sich für die Tochter einer paranoiden Mutter gehört, die mir Jahrzehnte eingetrichtert hat, niemals einfach etwas zu unterschreiben. Still und heimlich danke ich Mum jetzt, dass sie mir damit genug Angst gemacht hat und ich jedes Wort zweimal gelesen habe.
Beim ersten Vertrag dachte ich noch, das ist ein Witz. Beim zweiten habe ich meine Englischkenntnisse in Frage gestellt. Bei Nummer 10 bin ich bereits so angepisst gewesen, dass ich die Seiten ohne sie durchzulesen mit einer Hand zerknüllt habe (was unfassbar cool ausgesehen haben muss), aufgestanden und gegangen bin.
Ich hab nicht die leiseste Ahnung, was das für eine Masche sein soll, aber in diesen Verträgen ist einfach festgelegt, dass du neben einer Wohnung und dem Jobangebot einem privaten Verhältnis mit dem Vermieter zustimmst. Ist das nicht krass? Nein, ich denke mir das gerade nicht aus! Ich meine, what the fuck? I get it, Island ist nicht New York, aber geht das nicht auch für die USA ein bisschen zu weit?
Die Verträge von all diesen Typen sahen ziemlich gleich aus, haben die alle den gleichen Anwalt hier, der diesen Mist auch noch rechtlich absegnet? Hat was von Shades of Grey. Nur mit einer Falschbesetzung. Mir war nicht klar, wie einsam manche Männer hier sein müssen. Die sahen alle ziemlich gut aus, warum nicht einfach eine Frau in einer Bar anquatschen? Von mir auch aus im Supermarkt, im Schwimmbad oder beim Spazierengehen, aber so? Wieviele Frauen machen da mit? Mir schwirren so viele Fragen im Kopf herum. Hat Matt das gemeint? Hat er schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder…omg hat er sowas selbst schon mal gemacht? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ich mach da jedenfalls nicht mit. Was soviel heisst wie: ich bin am Arsch.
Ich finde weder eine Wohnung, noch einen Job, die nicht an irgendwelche Bedingungen, die mein Privatleben betreffen, geknüpft sind. Das kann doch nur ein Joke sein, oder? Wann fängt endlich die beste Zeit meines Lebens an? Ich kann sie mir nämlich bald nicht mehr leisten, was mich ehrlich gesagt ziemlich unter Druck setzt. Denn eines steht für mich fest: Zurück nach Island zu gehen ist keine Option. No Way. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht ohne meinen Abschluss in der Tasche. Und während ich mich im Hotelbett hin- und herwälze, mit Chat GPT nach Lösungen suche, schleicht sich seit gestern immer wieder eine leise Stimme in meinen Kopf, „sieh es ein, du brauchst Matt‘s Kontakte“, die ich immer weniger ignorieren kann. Als wäre das nicht genug, höre ich dazwischen auch noch die Stimme meiner Mum. Ich weiß genau, was sie sagen würde, wenn sie wüsste, was hier jobmäßig gerade bei mir abgeht, und das Schlimmste daran ist, ich gebe ihr in diesem Punkt Recht. Das wird sie nur nie erfahren. Sorry not sorry.
Eigentlich hatte ich gehofft, ich könnte hier easy mein Geld mit Social Media und Sponsoren verdienen. So wie es gefühlt alle hier machen. Nur ist das eine Bubble, die sich gegenseitig die Jobs zuschiebt, in die man nicht so einfach reinkommt. Wäre ja weitere Konkurrenz und meine 100.000 Follower auf Instagram, für die ich in Island stadtbekannt wurde, jucken hier natürlich niemanden. Seit ich hier bin und Storys, Fotos und Videos über New York poste, bekomme ich zwar unglaublich viele Nachrichten, aber wo die hinführen, hab ich ja in den letzten Tagen erfahren. So hatte ich mir das ganz und gar nicht vorgestellt.
Ich stehe in ein paar Tagen mit dem Rücken an der Wand und muss aus dem Hotel raus, und ich kann mit niemandem, außer Anna, die gerade selbst super viel zu tun hat, darüber reden. Ich dachte, ich kann hier schnell eine Menge Kontakte knüpfen, aber ich habe den Eindruck, die Leute hier sind zu busy mit ihrem eigenen Leben, um irgendjemanden näher kennenzulernen zu können.
Auf der Straße laufen manche so schnell vorbei, dass man denken könnte, es geht um Leben und Tod. Meine Familie fällt auch flach, und Matt werde ich keinesfalls bestätigen, dass er doch Recht hatte. Warum? Weil ich es satt habe. Ich hasse es, seit Jahren von meiner Familie belächelt zu werden, als würde ich sowieso nichts auf die Reihe bekommen und nichts alleine durchziehen, bloss weil ich blond und blauäugig bin. Ich will meiner Familie und Matt, der mit seinen Aussagen über New York dieses Gefühl noch verstärkt hat, unbedingt das Gegenteil beweisen. Ich kämpfe für alle Blondinnen der Welt! Bin ich gerade echt im Hotelbett aufgestanden, um die Faust in die Luft zu strecken, als würde ich in den Kampf ziehen? Du siehst, ich meine es ernst.