Lucy meets New York – Episode 11 đź’‹

Mit einem tiefen Seufzer hole ich Matt’s handgeschriebenen Brief aus meinem Rucksack und rufe die beiden Nummern an, bevor ich es mir nochmal anders ĂĽberlegen kann.

Jetzt kann ich nur hoffen, dieser Mike ist nicht ein weiterer dieser schmierigen Typen. Am Telefon klang er schon mal ziemlich nett und er meinte sofort, er kann immer Hilfe gebrauchen, genau wie Matt geschrieben hat. Fuck ist mir das unangenehm, vor allem weil ich damals so ausgerastet bin, als er seine Hilfe angeboten hat. Das Einzige Gute daran, ich werde Matt eine Ewigkeit nicht sehen und bis es soweit ist, bin ich bereits so erfolgreich, dass es einfach keine Rolle mehr spielen wird.

Am nächsten Morgen stehe ich, als wären die letzten zwei Wochen nie passiert, vor Mikes Bar. Ich fühle mich ziemlich gut, bin früh aufgestanden, habe mir Kaffee und Frühstück aufs Zimmer bestellt, mich ausgiebig meiner Schönheitspflege gewidmet und mir ein Taxi gegönnt, das mich in eine ziemlich wohlhabende Gegend gebracht hat. Eine wunderschöne, riesige Villa reiht sich an die nächste und dazwischen, etwas versteckt, eine Bar, die von außen ziemlich basic aussieht.

Schwarze, matte Eingangstür darüber in geschwungenen, goldenen Buchstaben: Baroma. Wirkt auf jeden Fall edel. Thank God habe ich mich für ein weisses Kleid entschieden, das knapp über meinen Knien endet und nicht für einen meiner Miniröcke, der eher ein breiterer Gürtel ist. Oben ist das Kleid enger mit langen Ärmeln und betont meine (Körbchengröße B) Brüste ohne zu viel Haut zu zeigen, ab der Taille ist es etwas luftiger und mit dezenten rosa Blumen verziert. Mein Lieblingsteil aus Island, das ich vor Jahren von Anna zum Geburtstag geschenkt bekommen habe und in dem ich mich immer noch richtig süß fühle.

Meine frisch gewaschenen Haare habe ich zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Mein Make-Up ist ziemlich dezent, Wimperntusche und Lipgloss, das war’s. Ich bin echt aufgeregt und habe ehrlich gesagt ziemlich Angst, eine weitere beschissene Erfahrung zu machen, die ich mir nicht mehr leisten kann. Ok Lucy, tief durchatmen und dann los. Ich drĂĽcke die schwere TĂĽr auf, gehe durch einen langen Gang und stehe ungelogen in der schönsten Bar, die ich jemals gesehen habe. Es sieht aus wie einem Film. 

Ein riesiger Raum, der durch dezente Trenner in verschiedene Bereiche unterteilt ist, die Bar funkelt golden, der gesamte Boden ist mit einem weichen schwarzen Teppich ausgelegt, die Tische sind schwarz, die Sessel sind mit goldenem Stoff bezogen und sehen ziemlich gemĂĽtlich aus, das Licht ist gedimmt, auf jedem Tisch steht eine kleine Kerze und gibt der Bar etwas Mysteriöses. Mitten im Raum brennt tatsächlich ein echtes Lagerfeuer, was alles entspannt wirken lässt. Es riecht nach frisch gemähtem Rasen (wirklich!!) und im Hintergrund läuft leise, dezente Musik. Ich fĂĽhle mich wie in einer anderen Welt hier. Zu schade, dass ich hier mit Sicherheit nicht filmen darf. 

Ein Typ im Anzug mit roter Krawatte kommt auf mich zu. Ich schätze ihn um die 30, blonde nach hinten gegelte Haare, breite Schultern, gefährlich groß. Oh shit, lass das nicht Mike sein. “Hi, ich bin Tom, wie kann ich dir helfen? Wir haben leider noch nicht geöffnet.” “Ich suche Mike”, vor lauter Nervosität vergesse ich höflich zu sein. “Gott sei Dank”, sagt er. “Wie bitte?” frage ich nach, weil ich die Antwort zwar verstanden habe, aber nicht weiß, was er meint.

„Ach nichts”, er grinst und ich stelle fest, dass er mir sympathisch ist. Seine Zähne sind nicht ganz so perfekt angeordnet und strahlend weiß, wie ich es erwartet hatte. Meine Güte, seit wann bin ich so oberflächlich, ertappe ich mich selbst bei meinen Gedanken. Jedenfalls nimmt er sofort ein wenig Druck von mir. Macht das Sinn?

Ich habe definitiv unterschätzt, wie wichtig hier das makellose Aussehen ist, besonders denen, die sich vor der Kamera und auf Social Media zeigen. Jedes Mittel ist recht, um die eigene Schönheit noch weiter zu toppen. Das kann ganz schön einschüchternd sein, und es gibt ehrlicherweise Tage, wo ich mich frage, ob ich nicht auch das eine oder andere machen lassen sollte. Mir war nicht klar, wie unsicher mich das machen würde.

Momentan fehlt mir dazu noch der Mut und auch das Geld, nur dass meine Gedanken überhaupt in so eine Richtung gehen, gefällt mir gar nicht. In Island war das nie Thema. Ich hatte immer ein ziemlich gutes Selbstbewusstsein, und mir fällt jetzt bereits auf, dass es hier von Tag zu Tag ein klein wenig schwindet. Je schöner du bist, umso größer sind die Chancen, hier erfolgreich zu werden, und diese Tatsache kann einen ganz schön unter Druck setzen.

„Mike ist gleich wieder da, ich spendiere dir ein Wasser an der Bar, während du wartest.” Tom geht voraus und sieht von hinten ziemlich gut aus. Ok Lucy, nimm die Augen von seinem Arsch, dafür bist du nicht hier. “Es ist traumhaft schön hier, als wäre es eine Filmkulisse, richtig gemütlich,” sage ich zu Tom, während er mir das Wasser in einem wunderschönen pinken Glas samt einem Teller Erdbeeren serviert. Wow, daran könnte ich mich definitiv gewöhnen.

Ich sitze hier in einer Bar, über die ich im Internet kaum etwas finden konnte, und fühle mich, zum ersten Mal seit ich in New York angekommen bin, richtig wohl. “Oh wow, wie süß, danke”, ich strahle ihn an und seine Augen funkeln. “Du bist nicht von hier, richtig?” “Richtig, ich komme aus Island, merkt man das?” “Geil, da wollte ich schon immer mal hin und um deine Frage zu beantworten: ja, definitiv”, er grinst breit, geht aber nicht näher darauf ein, während mir bereits die nächste Frage unter den Nägeln brennt.

“Was ist das hier? Doch keine normale Bar, oder? Ich hab so ein Ambiente in einer Bar noch nie gesehen. Ich will hier meinen Pyjama anziehen und entspannt ein Buch lesen, keinen Cocktail trinken.” Tom lacht laut auf. “Deine Einstellung finde ich ziemlich gut. Du hast Recht, dass hier keine normale Bar ist, sondern eher ein RĂĽckzugsort, den nur bestimmte Leute betreten dĂĽrfen. Wir haben während der Ă–ffnungszeiten sogar Security, die den Bareingang ĂĽberwacht und das kontrolliert. Ein Ă„rztepaar, das mehrere Privatkliniken hier, in LA und Washington leitet, hat das Baroma vor ein paar Jahren gegrĂĽndet, um den Ă„rzten, Krankenschwestern und allen Krankenhausangestellten, die in einer dieser Kliniken arbeiten, die Möglichkeit zu geben, sich hier zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und was sich eben sonst noch ergibt.“ Er zwinkert mir zu. „Manchmal finden sogar Schulungen oder Besprechungen hier statt, weil alle die Atmosphäre hier lieben, wir haben hinter der TĂĽr dort, nämlich noch zwei weitere Räume.“ Tom deutet nach hinten. 

„Das ist ja krass, noch nie davon gehört“. Ich staune und sehe mich weiter um. „Soweit ich weiĂź, wurde das auch nie an die groĂźe Glocke gehängt, weil es ja exklusiv den Mitarbeitern vorbehalten ist. Das Konzept ist aber ĂĽberaus erfolgreich, wir sind immer gut besucht und es wurde auch schon in LA eine weitere Bar eröffnet.“ „Wenn ich den Job nicht bekomme, bewerbe ich mich also einfach im Krankenhaus“, ĂĽberlege ich laut. 

„Das wird sicher nicht nötig sein und glaub mir, was ich da schon fĂĽr Geschichten gehört habe, du wĂĽrdest fĂĽr kein Geld und keine Bar der Welt tauschen wollen. Auch wenn es oft nicht so wirkt und jeder nur die Kohle sieht, was da oft mit den Patienten abgeht, das glaubst du nicht, wenn du es nicht selber hörst. Da rede ich noch nicht mal von den miesen Arbeitszeiten, die 24-Stunden-Schichtdienste machen viele echt fertig und neue Leute kennenzulernen, oder einen Partner zu finden, der in einer anderen Branche arbeitet, ist quasi unmöglich. Ah, Mike ist wieder da, ich bringe dich zu ihm.“

Eine Stunde später verabschiede ich mich von meinem neuen Chef. Mike, ein absolut witziger, entspannter Mann (ich schätze Mitte 50), hat es mit seiner lockeren Art sofort geschafft, mein Vertrauen zu gewinnen. Ich habe ihm alles über meine bisherigen Joberfahrungen hier erzählt. Einem Wildfremden? Yes. Ich fühlte mich bei unserem Gespräch so wohl, ich konnte nicht anders. Er hat wie ein besorgter Vater reagiert, ist ein bisschen wütend geworden und hat mir versichert, ab sofort nehme er mich unter seine Fittiche.

In zwei Tagen fange ich an, ich kann mir die Zeit, wie es für mein Studium passt, flexibel einteilen und Tom wird mich einarbeiten. Mike begleitet mich nochmal zur Bar, um Tom Bescheid zu geben. “Ihr habt euch ja schon unterhalten und ich bin sicher, ihr werdet euch gut verstehen. Tom, Lucy arbeitet ab Mittwoch hier, sei so gut, zeig ihr an ihrem ersten Tag alles, sobald Sarah zurück ist, sehen wir weiter, wie wir die Arbeitszeit unter euch drei aufteilen. Lucy, ich muss jetzt leider los, Tom begleitet dich hinaus, meine Tür steht immer offen für dich, wir sehen uns übermorgen.” Mike schenkt mir ein warmes Lächeln, bei dem ich fühle, dass er es ernst meint und geht.

Tim grinst mich wieder breit an, dann gehen wir Richtung Ausgang. “Ich hatte so gehofft, dass du nicht Ärztin oder Krankenschwester werden willst”. Ich verstehe nur Bahnhof. “Warum?” “Ich weiß nicht, ob Mike schon erwähnt hat, dass hier die Regel gilt, nichts mit Gästen anzufangen, sonst ist man raus.” “Ja, hat er, und?” Er fährt sich mit einer Hand etwas verlegen durch sein gegeltes Haar. “Naja… diese Regel gibt es Gott sei Dank nicht für Mitarbeiter untereinander”. Ich bin etwas überfordert, weil ich immer noch nicht ganz kapiere, worauf er hinaus will und sage daher nichts.

Muss wohl so aussehen, als wäre ich jetzt sauer, denn er rudert sofort zurück. “Fuck! Sorry, vergiss bitte, was ich gerade gesagt habe, absolut unangebracht. Ich hab verkackt, bin wohl nervös geworden, ach ich weiß auch nicht”. Ich lächle, weil es irgendwie süß ist, wie er sich offensichtlich gerade selbst zerfleischt. “Alles ok, ich habs nur nicht gleich kapiert, wir sehen uns Mittwoch”. Schon stehe ich wieder auf New Yorks belebten  Straßen, von denen man in der Bar absolut nichts mitbekommt. Der Tag hätte nicht besser laufen können.

Mit Mary, Matts zweitem Kontakt, hab ich heute auch telefoniert, sie hat gerade Zimmer frei und ich kann jederzeit einziehen. Wie leicht es gehen kann. Das hab ich leider einzig und allein Matt zu verdanken. Obwohl ich seinen Namen in den Gesprächen nicht genannt habe und auch die beiden ihn nicht erwähnt haben, frage ich mich, ob Matt mit ihnen über mich geredet hat und ich deswegen jetzt einen Job und ein Zimmer habe. Das werde ich sicher noch herausfinden, im Moment ist es genau das, was ich brauche, um voranzukommen, und jetzt heißt es erstmal Sachen packen. Endlich!

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