In der Bar ist schon jede Menge los und wir werden ziemlich oft auf unsere Kleider angesprochen. Anna hat gerade alle Hände voll zu tun, zwei Mädelsgruppen den Laden in Italien auf eine Serviette zu schreiben. Ich gehe derweil Cocktailnachschub von der Bar holen. Noch so ein Vorteil hier zu arbeiten, Cocktails for free. „Entschuldige, ich wollte hier nur in Ruhe ein Bier mit meinem Kumpel trinken, aber du machst es mir echt schwer, könntest du aufhören so gut auszusehen?“
Ein Typ, etwa in meinem Alter, ziemlich gutaussehend, taucht neben mir an der Bar auf. Ich muss lachen. „Der war wirklich nicht schlecht, hast du den von Chat GPT?“ „Überraschenderweise nicht, von meinem Bruder geklaut und seit Monaten wie ein Schatz gehütet, bis die richtige Frau dafür auftaucht und das bist zu 100% du.“ Er grinst mich frech an. „Ich bin Tom, möchtest du was trinken?“ „Lucy, bin gerade dabei mir selbst was zu besorgen, der Laden gehört meinem Dad“.
Mit einer Hand greife ich hinter die Bar, um mir die Rumflasche, die ich vorher dort abgestellt habe, zu schnappen. Was ich nicht sehe ist das zerbrochene Weinglas, das daneben steht. Ich ziehe meine Hand zurück, die verdammt unangenehm pocht. „Aua“ „Verdammt, was ist passiert? Komm mit und setz dich, ich sehe mir das sofort an“. Tom sieht plötzlich ziemlich ernst aus, was mich ein bisschen nervös macht. Ist doch nur ein kleiner Schnitt, oder?
„Nicht nötig, ich hole mir schnell ein kleines Pflaster, das sollte reichen“ erwidere ich. Er hält meine Hand und will gerade antworten, als sich eine Hand auf seine linke Schulter legt. „Das reicht, die Kleine gehört zu uns, ich übernehme“ höre ich Brians Stimme die er absichtlich tiefer und damit bedrohlicher klingen lässt. Hinter ihm tauchen Chris und Matt auf. Tom sieht mich fragend an, während ich komplett sprachlos bin. Was zum f** passiert hier gerade? Da ich immer noch nichts sage, lässt Tom mich los und zieht sich zurück. Brian grinst siegessicher und will mich zu einem der Loungetische begleiten, dass kann er vergessen.
Mit meiner noch unbeschädigten Hand schlage ich ihm fest auf die Brust, was er vermutlich nicht mal spürt. „Das kann nicht dein verdammter Ernst sein, Brian! Ich bin weder „die Kleine“ noch wollte ich das du übernimmst! Was machst du hier und warum verdammt nochmal mischt du dich immer wieder ein?“ schreie ich ihn an. Ich kann nur froh sein, dass die Musik gerade richtig abgeht, sonst würde mich die ganze Bar hören. „Checkst du eigentlich, dass ihr und besonders DU Brian, eine der Hauptgründe seit, warum ich hier so schnell wie möglich weg will? Ihr behandelt mich, als hätte ich gerade erst das gehen gelernt. Du hast kein Recht, mir nachzuspionieren. Du versaust mir mein Leben! Kapierst du das? Und jetzt hau….“ Weiter komme ich nicht. Matt schreitet ein, unterbricht meine Wutrede, die eigentlich gerade erst angefangen hat, zieht Brian zur Seite und sagt ihm etwas in sein linkes Ohr. Ich schliesse kurz die Augen und atme durch. Was für ein Fiebertraum. Meine Hand schmerzt mittlerweile richtig fies.
Dann wendet sich Matt an Anna, die sich vor einigen Minuten hinter mich gestellt hat, um mir Rückendeckung zu geben. „Du bist Anna, richtig? Bitte such mit Chris und Brian einen Verbandskasten und bring ihn mir und ein grosses Glas Wasser bräuchten wir auch.“ Anna nickt, Brian und Chris wagen nicht zu widersprechen und verziehen sich. Matt wendet sich mir zu und hebt meine Hand hoch. „Es ist nichts“ sage ich und will die Hand wegziehen, was er nicht zulässt. „Lucy, die Wunde sieht tief aus, ich sehe sie mir kurz an, es dauert nur ein paar Minuten“ sagt er ruhig, aber ziemlich deutlich. „Bist du jetzt auch noch Arzt“ frage ich augenrollend, resigniere aber, weil ich spüre, dass mich langsam aber sicher die Kraft verlässt.
Matt lässt meine Hand nicht los und lotst uns durch die Menge zum Loungebereich. Anna gibt ihm den Verbandskasten und zieht sofort wieder ab. Während Matt meine Hand verbindet, was er zugegeben ziemlich gut macht, fällt mir ein, was ich Brian noch alles sagen hätte wollen. Meine Wut ist kein bisschen verraucht.
„Fertig. Du hast Glück, es muss nicht genäht werden, trotzdem wäre es gut, besser, wenn du in den nächsten Tagen bei meinem Dad, oder im Krankenhaus vorbeischauen würdest, um den Verband wechseln zu lassen und zur Kontrolle.“ „Deinem Dad?“ frage ich ihn verständnislos. „Er ist Arzt“ sagt Matt beiläufig, als müsste ich das wissen, wovon ich keine Ahnung hatte. „Okay, danke Matt“. Ich stehe auf. Erstmal zur Toilette, mein Aussehen checken. Kann nicht so wild sein, wen ich mir darüber Gedanken mache. Dann hau ich ab. Mir ist etwas schwindelig, was Matt nicht zu wissen braucht.
„Also dann“ verabschiede ich mich schnell. Er lässt mich noch immer nicht aus den Augen. „Du weisst, dass sie dich nur beschützen wollen?“ Ich schüttle den Kopf. „Lass es Matt, die können mich mal, ich brauche höchstens Schutz vor ihnen“. „Was erwartest du, wenn ihr aus dem Haus geht und du aussiehst wie ein Victoria Secret Model?“ Netter Versuch. „Spar dir das, ich kenne die zwei besser als du, je früher ich sie vom Hals habe, desto besser. Ich geh mich frisch machen“. Gespräch beendet. Nicht gerade höflich, nur hab ich gerade keinen Bock mehr mit Matt, der scheinbar hinter der Aktion steht, zu diskutieren.
Wenigstens sehe ich nicht so beschissen aus wie ich mich fühle, meine Wimperntusche sitzt immer noch genau da, wo ich sie aufgetragen habe. Ich seufze, der Abend ist für mich sowas von gelaufen. Auf dem Weg zurück sehe ich mich nach Anna um. Die entdecke ich nirgends, dafür habe ich das Glück meine Brüder zu sehen, die gerade den Spass ihres Lebens mit 4 Girls haben, während Matt etwas abseits mit einer Blondine steht und sich wohl ziemlich gut unterhält, die zwei kleben fast aneinander.
Mein Puls schiesst wieder in die Höhe. Ihr Ziel haben sie definitiv erreicht. Ich gehe nach Hause und die drei machen Party. Was würde ich dafür geben, jetzt hinzugehen und mindestens einem von ihnen eine zu knallen. Nur würde ich mich wohl nur selber blamieren. Ich schnappe mir meine Jacke. „Lucy sorry, ich wusste nicht, dass du vergeben bist“. Tom steht nochmal neben mir, der sich auch gerade anzieht. Ich schnaube. „Bin ich auch nicht, du hast nur meine Brüder und ihren besten Freund in Aktion erlebt, mehr nicht“.
Tom grinst. „Ehrlich? Wow, lucky me. Wärst du meine Schwester, würd ich wahrscheinlich genauso handeln“. „Na klar, schlag dich du auch noch auf ihre Seite, also dann.“ I know, Tom meint es nicht böse und kann nicht wissen wie angepisst ich gerade bin, aber mein Ego kann gerade nicht anders. Tom hält mich auf. „Hey warte mal kurz, du bist richtig sauer, oder?“ Ich nicke nur. Er sieht sich in der Bar um. „Ich hätte da eine Idee“ sagt er und kommt näher. „Was hast du vor?“
Tom beugt sich zu meinem Ohr. „Deine Brüder und ihr Freund beobachten uns, sie sehen nicht gerade erfreut aus. Ich wollte ebenfalls gerade gehen. Was hältst du davon, wenn ich dir in deine Jacke helfe und wir gehen zusammen raus? Ich riskiere vermutlich einen Nackenschlag, aber das Risiko gehe ich für dich ein“. Abwartend sieht er mich an. Ich verstehe worauf er hinauswill. Wortlos halte ich ihm die Jacke hin, er berührt mich auffällig, während er mir hineinhilft und spontan falle ich ihm grinsend um den Hals. „Kleine Improvisation. Ich werde nicht hinsehen, aber ich kann ihre angepissten Blicke fühlen“ flüstere ich ihm ins Ohr und löse mich von ihm. Tom grinst mich ziemlich süss an. Kurz überlege ich, ihm einen Kuss zu geben, lasse es dann aber doch sein. Ich will mal nicht übertreiben. Wir gehen eng nebeneinander durch die Menge und aus der Bar hinaus. Wow, wie gut sich das anfühlt.
„Danke, du hast mir den Abend zumindest ein bisschen gerettet“ sage ich draussen zu Tom und meine es ernst. „Deine Umarmung wäre mir zwar unter anderen Umständen lieber gewesen, aber hey, ich beschwere mich ganz sicher nicht.“ Ein Auto hupt. „Tom, los jetzt, wir haben morgen Frühschicht, steig ein“. Toms Kollege wirkt schon ziemlich genervt. „Sehen wir uns wieder?“ ruft er mir zu, während er rückwärts Richtung Auto geht. „Ich arbeite ziemlich oft hier, die Chancen stehen also gut, bye “ Ich winke und hole mein Handy raus, um Anna zu schreiben, die in diesem Moment aus der Bar kommt. „Lucy, was ist los? Matt kam gerade zu mir und meinte, du haust mit einem Typen ab, ich soll dich aufhalten?“ Ich pruste, weil ich echt nicht mehr kann. „Ich hab tatsächlich noch einen Bruder dazubekommen. Womit hab ich das verdient? Erklär ich dir morgen, tu mir den Gefallen, geh nochmal rein und sag Matt und den beiden anderen Idioten, du hättest mich nicht mehr erwischt, ich wäre schon weggewesen. Ich geh nach Hause, bin fix und fertig“.
Anna versteht worauf ich hinauswill und nickt. „Klar, ich geh nochmal rein und sag es ihnen. Warte auf mich, ich will auch gehen, du kannst bei mir schlafen.“ Perfekt, dann sieht es tatsächlich so aus, als wäre ich mit zu Tom gefahren. Ich hoffe, ich hab ihnen jetzt den Abend genauso versaut, wie sie mir.